Arm haut auf ärmer

Facebook als Propaganda-Tool: Über „reiche“ Asylsuchende und den Widerspruch gegen rechtspopulistische Lügenmärchen. Ein Erfahrungsbericht von Alexander Pollak


Im Internet kursieren Lügenmärchen über reiche AsylwerberInnen.
Es war einmal in Österreich eine Asylwerberfamilie mit 6 Kindern. Dieser Familie ging es besonders gut. 3.593,90 Euro bekam diese Familie jeden Monat vom Staat Österreich überwiesen. Doch nicht nur das, niemand in der Asylwerberfamilie brauchte für das viele Geld auch nur einen Finger zu rühren. Wer hingegen kein Asylsuchender war, musste in Österreich hart arbeiten, nur um dann festzustellen, dass er doch viel weniger bekam. So erging es etwa einem österreichischen Facharbeiter, der eine Frau und drei Kinder zu versorgen hatte. Er bekam inklusive Familienbeihilfe nur 1.692,73 Euro ausbezahlt. Es war eine ungerechte Welt in Österreich, eine Welt, in der man ein Asylsuchender sein musste, um es gut zu haben.“

Als ich auf Facebook auf dieses Märchen stieß, dachte ich erst, diesen Unsinn wird doch niemand ernsthaft glauben. Zwar stehen Ungerechtigkeiten in Österreich an der Tagesordnung, aber Asylsuchende sind eines mit Sicherheit nicht: auf der materiellen Schokoladenseite. Ich wandte mich also rasch wieder von dem Facebook-Märchenplakat ab. Kurz darauf packte mich aber doch die Neugier. Woher kam dieses Plakat? Die Facebook-Seite, von der es gepostet worden war, trug den Namen „Weinhof Günter Nekrep“. Auf dieser Seite hing das Asylmärchenplakat an der Pinnwand und darunter stand in großen Buchstaben „BITTE TEILEN! BITTE TEILEN!“ Und was ich dann sah, konnte ich im ersten Moment gar nicht glauben. Ich musste zwei, dreimal hinschauen: das Plakat war mehr als zweitausend (!) Mal geteilt worden.

Wenn man bedenkt, wie viele Menschen mit einem Eintrag auf der Pinnwand einer Facebook- Seite erreicht werden können, dann war es wahrscheinlich, dass das Asylmärchen mehrere Zehntausend, vielleicht sogar mehr als Hunderttausend Menschen in Österreich zu Gesicht bekommen hatten. Die Kommentare, die Facebook-User dazu gepostet hatten, ließen erkennen, dass die Menschen dem Märchen tatsächlich Glauben schenkten: Einige kommentierten: „Ich hab’s schon immer gewusst“ oder „Diese Politik führt uns in den Abgrund“ oder „Kein Wunder“.

Ich fragte mich, was wohl in den Köpfen der Leute vorgeht, die solche Märchen ohne Anflug eines Zweifels glauben (wollen) und sie auch noch ohne zu zögern verbreiten. Ich überlegte, wie ich reagieren sollte oder sollte ich am besten gar nicht reagieren? Sollte ich das Asylmärchen Märchen sein lassen und nur schauen, keine zusätzliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken? Nachdem das Plakat aber eine bereits dermaßen massive Verbreitung gefunden hatte, beschloss ich dagegenzuhalten. Ich produzierte ein neues Plakat, das dem Asylmärchen die Wahrheit über die finanzielle Lage von Asylsuchenden entgegenhält.



Ein Wettrennen ging los. Würde das Gegenplakat annähernd soviel Verbreitung finden wie das Asylmärchenplakat? Um es nicht zu spannend zu machen, die Antwort lautet: Nein. Das Gegenplakat wurde zwar mehrere hundert Mal auf Facebook geteilt und damit von mehreren Tausend, vielleicht sogar von mehr als zehntausend Menschen im Netz wahrgenommen. Das ist durchaus beachtlich, an die Verbreitung des Asylmärchens kam es aber nicht heran.

Ich beließ es aber nicht beim Posten des Gegenplakats, sondern verschickte es auch an etwa zweihundert der Leute, die das Asylmärchen auf ihre Facebook-Pinnwand geheftet hatten. Ich war neugierig, ob es zu irgendwelchen Reaktionen kommen würde.

Tatsächlich fanden sich zwei Personen, die mir zurückschrieben. Die eine schrieb lediglich lapidar „Wen interessiert’s?“, die andere ließ sich hingegen auf einen kurzen Dialog mit mir ein. Sie fühle sich unterprivilegiert und im Stich gelassen, und da gäbe es diese Asylsuchenden, die mit „heißen Schlitten“ herumfahren und nichts arbeiten. Und dann sagte sie noch etwas Interessantes: „Ja, die, die was haben, geben eh sowieso nichts, also was soll ich machen, uns hilft eh keiner, wieso soll ich denen helfen, die solche Autos fahren?“ Ganz off ensichtlich fühlte sich diese Person nicht nur vom Staat allein gelassen, sondern es erschien ihr auch sinnlos, Stärkere in der Gesellschaft für ihre unbefriedigende Situation verantwortlich zu machen. Gegen die, die weiter unten sind bzw. die, die noch weiter unten zu sein haben als man selbst, läßt es sich besser Frust ablassen.

Task force gegen „reiche“ Asylwerber
Das weiß auch die Politik. Deshalb hatte es sich die damalige Innenministerin Fekter auch zu einer ihrer Hauptaufgaben gemacht, gegen Asylsuchende, die „zu Unrecht“ Grundversorgung beziehen, zu Felde zu ziehen. Eine eigene Task force wurde gebildet, um Jagd auf „wohlhabende“ Asylsuchende zu machen. Die Flüchtlingshelferin Ute Bock kann von Fällen berichten, in denen Asylsuchenden die Grundversorgung aberkannt wurde, weil sie einen kleinen Fernseher bei sich stehen hatten oder weil sie geringfügig etwas dazu verdienten. 40 Millionen Euro seien bei Asylsuchenden eingespart worden, behauptete Fektern stolz. Es ist die gleiche Fekter, die sich nun mit Händen und Füßen dagegen wehrt, dass Steuern auf große Vermögen eingeführt werden, weil dann ja reichen Menschen „nachgeschnüffelt“ werden müsste, und das sei ihnen nicht zumutbar.

Ihren Ursprung hat die Rhetorik von den „privilegierten Ausländern“ allerdings bei der FPÖ. Auch wenn sich die Quelle des Facebook-Asylmärchenplakats nicht mehr genau identifi zieren lässt, so passt das Plakat perfekt in die Kommunikationsstrategie der FPÖ. Viele werden sich noch an Heinz- Christian Straches Worte im letzten Wiener Wahlkampf erinnern, als er sagte: „Willst du eine soziale Wohnung haben, musst du nur ein Kopft uch tragen.“ Und auch der Wiener FPÖ-Obmann Johann Gudenus forderte erst kürzlich wieder: „Schluss mit der Bevorzugung von Migranten!“

Das Klavier, auf dem populistische PolitikerInnen spielen, funktioniert so lange gut, solange sich unsere Gesellschaft nicht von der Vorstellung verabschiedet hat, dass es NichtösterreicherInnen in Österreich schlechter zu gehen hat als Österreicher-Innen. Es gilt also, an einer neuen Sichtweise auf Gesellschaft zu arbeiten. Und es gilt, wo immer möglich gegen Lügenpropaganda aktiv zu werden. Denn Resignation und Schweigen stärkt reaktionäre Kräfte.


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